
In ihrer Magazin-Kolumne listete Michèle Roten neulich Mails auf, auf die sie keine Antwort bekam. Eines davon ging an Steve Jobs und stellte ihm die Frage, ob er wirklich wolle, dass sie ein iPad kaufe, obwohl sie es gar nicht brauche. Verdammt gute Frage. Das iPad ist extrem angesagt. Es macht Spass, auf ihm herumzufummeln. Der Touchscreen ist faszinierend. Alles klar. Aber wozu braucht man es eigentlich?
Das iPad kann vieles nicht. Und vieles was es kann, kann es nicht so gut wie andere Geräte. Telefonieren und Fotos/Film aufnehmen kann es nicht (im Zeitalter der Videotelefonie kein so abwegiger Gedanke). Zum Musikhören ist es unnötig gross. Die Apps laufen auch auf anderen Touchscreen-Geräten. Und zum arbeiten taugt es auch nicht wirklich. Dazu ist die Tastatur zu fummelig, die Möglichkeiten zu eingeschränkt und überhaupt gibt’s vom selben Hersteller das MacBook Air, welches auch nicht schwerer oder unhandlicher ist.
Was das iPad hingegen hervorragend kann, ist meine Zeit stehlen. Darin ist das iPad Master of the Universe. Faszinierend. Zu nichts zu gebrauchen, und kaum hat man ein bisschen damit rumgespielt, glaubt man, nicht mehr ohne sein zu können.
Also: Aufatmen, lieb Apple-Fangemeinde. Ich kapier’s schon. Es ist gar nicht die Idee, das Ding wirklich zu etwas gebrauchen zu können. Das iPad repräsentiert einfach den gerade aktuellsten Stand des Machbaren. Und fasziniert damit jenseits rationeller Argumente. Oder wie es ein Mitarbeiter von mir ausdrückte „Das iPad ist einfach geil!“ – „Und wozu brauchst du es so?“ – „Mann, es ist einfach geil!“
Das iPad wurde nicht entwickelt, um ein konkretes Kundenbedürfnis zu befriedigen. Es stellt einfach einen technologischen Schritt in der Geschichte des Computers dar. Es ist da, weil es machbar war. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht ob das iPad einen Nutzen hat, sondern wo es die Entwicklung des Computers hinführt. Wird es dereinst als revolutionärer Durchbruch oder als Entwicklungs-Sackgasse gelten? (Die Innovationen von heute sind ja oft der Elektroschrott von morgen. Dazu eine lustige Info-Grafik der Washington Post – die arme, arme Faxmaschine.
Aber zurück zum Heute. Und zu einer revidierten Meinung: das iPad ist sehr wohl zu etwas nütze. Meine Kinder lieben es. Sie spielen damit ohne Ende herum. Und so verschafft mir das Ding hin und wieder die Möglichkeit, in Ruhe ein Buch zu lesen. Danke, Mr. Jobs.
Autor: Martin Stulz